“Aber du siehst doch aus wie ein Jude!“

Diese zweifelhafte Aussage war der erste Höhepunkt im Urlaub an der Ostsee in Polen. Zugetragen hat sich folgendes Szenario: Drei junge Männer spazieren entspannt über die Strandpromenade, etwas ausgelaugt von der Fahrt, aber auch glücklich, dass wenigstens keiner bei 30 Grad im Stau im Auto gefurzt hat. Ab und zu starten Teenagermädchen schwächliche Versuche den Dreien fest an den Hintern greifen, so dass Kratzer glatt durch die Hose dringen. Es kann auch sein, dass dieses Verhalten hier als Flirten gilt oder es sich schlicht um ein spontanes “Wenn ich du wäre“ handelt. Die Brutalität der Handlungen soll hier jedoch betont werden!

"lass ma heute noch was starten"
„lass ma heute noch was starten“ auf polnisch

Zwischen den hinterlistigen (pun intended) Attacken wird ein Kurzstopp an einer Muschelbühne eingelegt. Ja, die Bühne hat wirklich die Form einer Muschel [sic!]. Dort spielt eine Rentnerband Rockklassiker, die anscheinend dem Kriterium unterliegen nicht nach 1980 erschienen zu sein. Das ganze hört sich auch relativ anständig an, mindestens aber so gut, dass zwei leicht alkoholisierte Alkoholiker stilsicher zur Musik twisten. Kurz bevor der jüngste der Spaziergänger seine Handykamera auf die Darbietung richten kann, um später ein tolles GIF daraus zu basteln, kommen die beiden, jetzt normalen Schritts, zur Gruppe rüber. Da keiner von ihnen gut polnisch spricht oder versteht, kann der erste Teil der Konversation hier nicht zufriedenstellend aufbereitet werden. Als sich dann endlich mit Händen und deutschen Wortfetzen verständigt wird, gibt der lockigste der drei Urlauber zu, dass er aus Deutschland kommt. Der aggressivere der beiden Alkoholiker wendet sich daraufhin mit einem “Pfui“ ab und spuckt auf den Boden.

Eine solche Szene ist zwar mittlerweile nicht mehr üblich, aber gerade bei Alkoholikern kann man sich nie sicher sein, ob sie nicht immer einen Grund zum Pöbeln finden. Umso ärgerlicher, da die drei sich bereits adäquate Herkunftsländer (USA, England und, für den Lockigen, Finnland) ausgesucht hatten, um solchen Situationen zu entgehen. Das größere Problem ist jedoch, dass sich die Wege der beteiligten Gruppen wenig später erneut kreuzen. Jetzt ohne Alternative, bestätigen alle noch einmal die Herkunft. Das sieht der, jetzt fast schon aufgeregte, Wasserverweigerer als Signal sich teilweise auszuziehen. An sich keine schlechte Idee, nur repräsentiert er schlicht nicht die Zielgruppe, weshalb sein Verhalten eher auf vorsichtiges Interesse, als auf Begeisterung stößt. Und das ist auch besser so, denn zum Vorschein kommen Tattoos. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre sind es ein Hakenkreuz auf der Wade, ein Totenkopf mit dem Schriftzug “White Power“ und als Abschluss das Zeichen der SS. Dabei blickt er herausfordernd in die Runde, als erwarte er spontanen Beifall. Die Gruppe gibt ihm vorsichtig zu verstehen, dass man seine “Ansichten“ nicht teilt. Daraufhin dreht er sich wieder weg, diesmal mit einem “Juden! Pfui!“. Verwirrt haut die Gruppe ab. Erst werden sie beleidigt, weil sie Deutsch sind, dann stellt sich der Typ als waschechter Neonazi heraus, irgendwas macht hier keinen Sinn.

Als das Geschehen zwei Nichtbeteiligten narrativ aufbereitet wird, folgt jener entwaffnende Ausspruch “Aber du [der Lockige] siehst doch aus wie ein Jude!“ Und da wird es allen klar. Die Locken, Faulheit beim Rasieren, welche zu Ansätzen von Koteletten führt, und die Brille lassen den finnischen Mitbürger wie das aussehen, was sich ein verwirrter Alkoholikerneonazi unter einem Juden vorstellt. Und wie hätte er darauf verzichten können einem deutschen Juden seine Beschränktheit in Form von Tattoos aufzudrängen?

Zur Entspannung gibt's Pizza mit einem Ø von 48cm
Zur Entspannung gibt’s Pizza mit einem Ø von 48cm

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Viele Idioten haben nicht aus der Geschichte gelernt. Und die Jugend konsumiert heute vielleicht zu viele Internetpornos, aber immerhin hat sie ein halbwegs vernünftiges Weltbild und denkt nicht in Nazikategorien. Obwohl diese #klapsaufdenpo-Aktion eher auf starken Internetkonsum als auf Bildung verweist…

Als Musiktipp gibt’s: K.I.Z. – Ich bin Adolf Hitler

Autor: ¡MasterJoda!

Irgendwas mit Medien, farbiges Vinyl, verschwitzte Konzerte, tote Plätze, Tupperdosen in der Natur, Bassgitarre & Werder Bremen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.